Ha Ho He! – Zur Hertha ins Olympiastadion Berlin

Wenn man im zentralbayerischen Raum aufwuchs, gab es in meiner Jugendorientierungszeit eigentlich nur eine große Entscheidung: 60er oder Bayern. Die beiden großen Lokalvereine aus München, die „Löwen“ des TSV 1860 München und der erfolgsverwöhnte FC Bayern München, sorgten im Grundschul- und Gymnasialalter schon für so manchen Schlagabtausch, besonders, wenn wieder einmal ein Derby geschlagen worden war. Es gab auch stadionmäßig nur die Auswahl zwischen dem legendären Grünwalder Stadion der 60er und dem Olympiastadion München, in dem der FCB seine Heimspiele bestritt. Im Laufe der Zeit zogen beide Vereine zusammen in die monumentale Allianz Arena, wodurch sich der Fokus des bajuwarischen Sportes auf den Münchner Stadtteil Fröttmanning legte – bis die 60er durch schlechte sportliche und noch schlechtere finanzielle Leistungen mehr oder weniger alles verloren und der aufstrebende FCB zum Alleinherrscher des Fußballs im süddeutschen Raum wurde. Der FC Ingolstadt, die „Schanzer“, sei nur am Rande erwähnt, da diese ihren Erfolg in Person ihres Trainers an das ostdeutsch-österreichische Konstrukt eines bekannten Energy-Drink-Herstellers verschacherten und prompt wieder verdient in der 2. Liga verschwanden. Kurzum, in Bayern ist das Heiligtum des Fußballs die Allianz Arena. Ein gigantischer, moderner Bau, dem allerdings noch etwas Wichtiges fehlt: Geschichte.

Das größte der Berliner Fußballstadien war mir bis jetzt hauptsächlich aus zwei Gründen bekannt: als Stätte der Olympischen Propaganda-Spiele von 1936 und natürlich als der Ort, an dem unser geliebter FC Bayern in schöner Regelmäßigkeit vorbeikam, um einen großen goldenen Pokal abzuholen. Jetzt, als Berliner (das steht zumindest so auf meinem Ausweis!) gibt es natürlich einen ganz anderen Aspekt: die Hertha! Bevor ich hierher zog, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass diesem Verein in dieser Stadt so viel Leidenschaft, Liebe und Herzblut entgegengebracht wird. Es ist herrlich! Diese Leidenschaft ist das, was den Fußball ausmachen sollte und was kein Verband dieser Welt für Geld verschachern darf.

Da auch ein Mitbewohner auf dem Bavarenhaus begeisterter Hertha-Anhänger ist, war es klar, dass dieser der perfekte Ansprechpartner für einen Stadionausflug ist. Und so ging es am ersten Spieltag gut ausgerüstet zu viert ins altehrwürdige Olympiastadion – ironischerweise gegen einen süddeutschen Verein, den VfB Stuttgart. Bis zum Stadion war soweit alles wie von zu Hause gewohnt: überfüllte Nahverkehrsmittel, Betrunkene, Trikots, fliegende Händler, Bier – die perfekte Mischung für einen gelungenen Nachmittag. Drei große Unterschiede gab es allerdings zu München: die Flaschensammler, die Parkplatz-Party und die Originalität der Sprüche und Fangesänge.

Nach der verschärften Einlasskontrolle durfte ein fester Bestandteil eines Stadionbesuches auf keinen Fall fehlen: die „Stadion-Wurst“ und Bier. Überraschenderweise gibt es für diesen Zweck hier im Gegensatz zur Allianz Arena Massen – zwar Plastikbecher, aber trotzdem immerhin ein Liter Bier, genug für eine Halbzeit. Wenigstens einmal in dieser Stadt hat jemand mitgedacht, folglich kann es auf keinen Fall eine Idee des Senats gewesen sein. Als zweite freudige Überraschung stellte sich heraus, dass die sanitären Anlagen nicht mehr dem Stand von 1936 entsprechen. Fast schon eine Enttäuschung.

Doch nun zum Wichtigsten, dem Spiel an sich: es ergriff mich schon tief im Herzen, dass die Ostkurve extra um mich zu beeindrucken eine gigantische Fan-Choreo aufgezogen hatte. Superb! Doch im Ernst, es machte schon was her, als der gesamte Block mit weiß-blauem Fahnenmeer im Hintergrund eine Art Zeremoniell zum 125-jährigen Bestehen aufgezogen hatte. Kurz darauf bekam ich einen weiteren Service der Extraklasse zu Ohren: bis auf einige Ausnahmen waren mir keine Spieler der Hertha bekannt, was aber überhaupt kein Problem war: ein lautstarker Gast schräg hinter mir schrie bei jedem Spieler den Namen und obligatorische Trainerfloskeln, sodass er getrost den aus dem Radio gewohnten Stadionkommentator ersetzen konnte. Auch das Wichtigste eines Fußballspiels folgte bald darauf: zwei Tore für die Hertha. Erzielt, wieder mit einem Hauch Ironie, von Matthew Leckie – einem Ex-Ingolstädter. Die Fangesänge hallten durch das Stadion, es wurde gepfiffen, gejohlt, gejubelt, alle Elemente eines richtigen Fußballspiels kamen zum Einsatz. Als der gesamte „Ostblock“ im Takt hüpfte und man noch in unserem Block den Beton vibrieren spürte, kam mir kurz in den Sinn, ob der alte Albert Speer sich in seinen kühnsten Träumen diese massenorganisierte und doch friedliche Nutzung ausmalen hätte können.

Auch das beste Spiel geht mal zu Ende, und so durften wir die übliche Verabschiedung der Spieler und die typischen Abschiedslieder auch noch miterleben. Und, was in keinem Stadion fehlen darf, die Heimfahrt in heillos überfüllten S- und U-Bahnen. Wenn ich diesen Nachmittag im Nachhinein Revue passieren lasse fällt mir auf, dass diese Fans wirklich Fans im Herzen sind, und dass die Hertha ein Teil des Herzschlags von Berlin ist. Es wird auf alle Fälle nicht das letzte Spiel in diesem Stadion gewesen sein – da wartet schließlich ein großer Kommerzverein aus dem Süden auf die Chance, hier drei Punkte zu holen, zur Not in der Verlängerung der Nachspielzeit.

Einen wichtigen Verein und dessen Stimmung habe ich mir bewusst bis zum Schluss aufgespart: auch die „eisernen“ Fans von Union sind Teil dieser Stadt, und im Gegensatz zu München gibt es hier keine grundsätzlich aggressive Stimmung gegen den anderen Verein. Auf jeden Fall werde ich bei Gelegenheit mal in der Alten Försterei vorbeischauen, um mir auch die Unioner anzusehen und mitzujubeln. In Berlin wird Fußball eben noch gelebt.

Foto: Martijn Mureau – Innenraum des Olympiastadions, September 2015


Das Sommerloch findet bald sein Ende und in der freien Zeit gibt es wohl nichts schöneres, als den Hauptstadtfussballverein der Bundesliga zu unterstützen. Jeremias, Jonas und Dominik haben es wieder getan…


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